In den letzten Jahren reicht es oft schon, vom „Zeitalter des Aufschwungs“ zu sprechen, und sofort wird das BIP wie ein Ehrenzeugnis hervorgeholt. Steigt das BIP, „hebt“ das ganze Land ab – als müsste man nur die Produktionszahlen zusammenrechnen, und schon werde das Leben von selbst besser. Nur leider kennt das BIP keine Rubrik wie: „Können die Menschen leichter durchatmen?“, „Wächst die Mittelschicht tatsächlich?“, oder „Wie hoch ist der Preis – bezahlt mit Schulden, Boden und einem Kapitalstock, der immer unproduktiver eingesetzt wird?“.

Das Trugbild beginnt dort, wo Wachstum zum politischen Ziel erklärt wird. Eine Wirtschaft kann wachsen, weil ihre Produktivität steigt – durch Qualifikation, Technologie, Management, und durch heimische Unternehmen, die die Wertschöpfung im Land halten. Oder sie wächst im Modus des „Turboboosts“ – mehr Kredite, breit gestreute Staatsausgaben, ein Anschieben von Bauwirtschaft und Immobilien. Auf dem Papier können beide Varianten ähnlich aussehen. In Wirklichkeit ist das eine Muskelmasse, das andere Wasser und Fett: höheres Gewicht, aber schnell außer Atem.
Vietnam profitiert von ausländischen Direktinvestitionen (FDI) und Exporten, doch die hohen Wertschöpfungsstufen liegen weiterhin jenseits der eigenen Grenzen; im Land bleibt man beim Zusammenbau hängen. Wer zu lange auf FDI setzt, nimmt in Kauf, dass heimische Unternehmen kaum Kerntechnologien aufbauen, kaum Forschung und Entwicklung (F&E) betreiben und kaum Patente halten – sprich: dass ihnen der „Schlüssel“ zum lukrativsten Teil der Wertschöpfungskette fehlt.
Besorgniserregend ist nicht, dass das BIP steigt, sondern dass die Preise schneller laufen als die Einkommen: Wohnen, Bildung und Gesundheitsversorgung werden teurer, sodass viele mehr arbeiten und dennoch auf der Stelle treten. Der Binnenkonsum bleibt schwach, die Wirtschaft wird abhängig von äußeren Schubimpulsen, und das gesellschaftliche Vertrauen ist dünn wie Lack. Gleichzeitig ändern sich die Regeln der Globalisierung von Tag zu Tag, und auch das „goldene“ Bevölkerungsfenster ist begrenzt; die nächsten 10 bis 15 Jahre sind entscheidend.
Aus dem BIP-Trugbild herauszukommen heißt, die Fragen zu wechseln: Woher kommt das Wachstum, wer profitiert – und wo stehen wir in zehn Jahren? Wenn Wachstum nicht in Produktivität und Technologie übersetzt wird, dann ist die „schöne Zahl“ nur eine glänzende Lackschicht auf einem Stück Holz, das längst morsch ist.










